Türkischer Ultranationalismus im Amateurfußball

von Janina Rostek

Der Amateurverein Turanspor Rheydt e.V. ist vermutlich eines der Paradebeispiele, wenn es um türkischen Ultranationalismus im Fußball geht. Das Logo dieses Vereins ist ein blaues Wappen, welches drei Halbmonde zieren, die als Symbol des türkischen Ultranationalismus und des in Ehren Halten des Osmanischen Reichs gelten. Auch der Vereinsname – mit Turan ist das pantürkische Großreich als imperiale Utopie gemeint – weist eindeutig auf nationalistische Tendenzen hin. Turanspor ist vielleicht das markanteste Beispiel für Nordrhein-Westfalen, jedoch kein Einzelfall. Dies ist insofern problematisch, als dass die türkisch-ultranationalistische Ideologie demokratie- und menschenfeindlich ist und vorsieht, Menschen, die in ihre Feindbilder passen, zu diskriminieren und – nicht nur auf dem Fußballplatz – zu Teilen gewaltvoll zu bekämpfen.

Der türkische Ultranationalismus ist kein auf die Türkei beschränktes Phänomen. Die türkische Diaspora in Deutschland, die sich in erster Linie durch das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei bildete, begann sich aufgrund von nicht übernommener Verantwortung seitens der deutschen Politik selbst zu organisieren. Unter dem Motto „Werde Deutscher, bleibe Türke“ „bleiben […] Grundaspekte der Herkunftsgesellschaft […] präsent“, während Aktivitäten im Ankunftsländern stattfinden (vgl. Wuppertaler Initiative für Demokratie und Toleranz e.V./Goecke, 2016; Pries/Sezgin, 2019, S. 42)

Es sind nicht zuletzt die Rassismus- und Misserfolgserfahrungen, die türkischstämmige Menschen in Deutschland machen, die dazu führen, dass diese sich dem organisierten Umfeld des türkischen Ultranationalismus in Deutschland zuwenden (vgl. Hussain, 2021): „Ausgrenzungsmechanismen […] können dazu führen, dass der türkische Migrationshintergrund sich als zentrales identitätsbildendes Merkmal bei der Selbstdefinition etabliert – umso stärker bei türkisch-ultranationalistischen Jugendlichen“ (diyalog, o.J., o.S.).

Diese permanente Erfahrung von Nicht-Zugehörigkeit mündet in einem Identitäts- und Zugehörigkeitsdilemma. Insbesondere für Jugendliche, die sich im Prozess der Identitätsfindung befinden, ist diese Ablehnung besonders gravierend. Diese Jugendlichen gehen dann auf das Angebot ein, was ihnen seitens türkisch-nationalistischer Organisationen und Gruppen unterbreitet wird; Ihnen wird vermittelt: „Hier kannst du türkisch sein. Du bist als Türk*in gut, so wie du bist und dein Türkischsein ist etwas Wertvolles.“

Das Merkmal, das jahrelang der Grund ihrer Ausgrenzung war, steht jetzt als etwas Positives im Fokus.

Der Fußball und das Spielen im Verein sind eine Erlebniswelt, die sich dadurch auszeichnet, dass das Erlebnis – als Team, als Spieler*in, als Fan – im Vordergrund steht. Fußball (spielen) löst Emotionen aus, motiviert, schweißt zusammen und bereitet Freude. Auch die eigene Identität wird durch die Zugehörigkeit zu dem „eigenen“ Verein im Fußball geformt. Weiter können im Fußball gesellschaftliche Fragen von Macht, Repräsentation, Zugehörigkeit, Teilhabe oder Diskriminierung beantwortet und ausgehandelt werden (vgl. Thole/Pfaff/Flickinger, 2019).

Rufen wir uns noch einmal das Motto „Werde Deutscher, bleibe Türke“ ins Gedächtnis. Im Falle des Amateurfußballs können wir festhalten: Türkische Fußballvereine beziehen sich auf eine türkische Identität der Spieler*innen, was sich zum Beispiel im Vereinsnamen oder -logo ausdrückt, während sich diese Vereine am deutschen Vereinsrecht orientieren und in deutschen Ligen aktiv sind. Besonders die Orientierung an einfachen und dichotomen Werten im Fußball sowie die schlechten Erfahrungen in der Mehrheitsgesellschaft ermöglichen allgemein gesprochen eine Radikalisierung durch den Sport (Rahner, 2021, S. 198; vgl. Thole/Pfaff/Flickinger, 2019). Speziell für den türkischen Ultranationalismus gilt, dass „[e]iner der wichtigsten Gesellschaftsbereiche für die Selbstorganisation von Migranten […] in Deutschland der Sport [ist ,] vor allem Fußball“ (Pries/Sezgin, 2019, S. 87). Außerdem sind „die Grenzen überspannenden Bezüge ethnischer Sportvereine als Spielart und Ausdruck von Diaspora-Nationalismus“ (ebd., S. 91) zu verstehen. Der*die sportliche Gegner*in kann als Projektion für politische Feindschaften herhalten, sodass im Sport besonders diese politischen Feindbilder befeuert werden.

Der Fußball emotionalisiert und kann im Spiel bewirken, dass die Gewaltbereitschaft der Ideologie des türkischen Ultranationalismus zu Gewalt „auf dem Platz“ führt. Weiterhin wird das oben bereits erläuterte Identitäts- und Zugehörigkeitsdilemma z.T. ausgenutzt und für eigene Zwecke nutzbar gemacht: „Zentrales Ziel […] ist es, die türkischen Jugendlichen als Unterstützer zu gewinnen, die durch Identitätsprobleme ein leichtes Ziel der türkischen Propaganda sind“ (Hussain, 2021, S. 14). Dies kann zum Beispiel durch einen Amateurverein geschehen. In diesem Verein wird ihre türkische Identität positiv bewertet und diese Identität ermöglicht ihnen die Zugehörigkeit zu einer Gruppe – hier der Verein. Dieser Verein, in dem die Jugendlichen oft zum ersten Mal ihre Identität und Selbstwirksamkeit erfahren können, wird zum Bezugspunkt dieser jungen Menschen. Durch diese starke Verbundenheit mit dem Verein kann dieser dann für politische Zwecke der Mobilisierung und Radikalisierung genutzt werden.

Um Wissenslücken zu schließen und zu erarbeiten, was zur Prävention dieser Problematik nötig ist, arbeite ich seit Dezember 2023 an dem Projekt „Türkischer Ultranationalismus im Amateurfußball“, gefördert durch die Landeskoordinierungsstelle gegen Rechtsextremismus und Rassismus des Landes NRW, das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW und das Bundesprogramm „Demokratie leben“. Ziel ist es, durch Expert*inneninterviews Wissen und Handlungsbedarfe zu ermitteln und dies in Workshopformaten für Multiplikator*innen bereitzustellen.

Die acht interviewten Expert*innen sind zusammenfassend in der Wissenschaft, in der pädagogischen und sozialen Arbeit, im (Amateur-) Fußball oder in der kommunalen Integrationsarbeit tätig und beschäftigen sich aus verschiedenen Perspektiven mit dem Themenkomplex. In den Interviews bestätigt sich, was die wissenschaftliche Literatur nahelegt – Handlungsbedarfe werden dabei besonders deutlich.

Erstens wird appelliert, verschiedene Identitätsmarker zu differenzieren. Ein Experte stellt heraus, dass „türkisch“, „muslimisch“ und „ausländisch“ in der mehrheitsdeutschen Gesellschaft zu oft und fälschlicherweise synonym verwendet werden, was ein Problem seitens der „Mehrheitsgesellschaft“ darstellt. Zweitens sprechen sich alle Interviewten dafür aus, Räume zu schaffen, in denen Rassismuserfahrungen zur Sprache kommen können, sodass Jugendliche nicht auf Angebote problematischer Akteur*innen zugreifen müssen, um ihre Diskriminierung zu thematisieren. Als dritter Aspekt zeichnet sich in der Analyse der Interviews ab, dass Tätige aus der Beratungsarbeit mehr fachliche Aufklärung brauchen und Wissen über den türkischen Ultranationalismus in der deutschen Beratungs- und Ausstiegsarbeitslandschaft stärker etabliert werden muss. Viertens berichten die Expert*innen, dass Aufklärung über türkischen Ultranationalismus immer auch Awareness in der Stadtteilarbeit bedeutet. Der Stadtteil spiele für dieses Phänomen eine zentrale Rolle, die in der Forschung und Praxis zu wenig beachtet werde. Fünftens und letztens plädieren die Interviewten für mehr allgemeine Aufklärung, besonders über Codes und Wiedererkennungssymbole. Speziell im Fußballbereich können nationalistische Tendenzen frühzeitig erkannt werden, beispielsweise wenn Symbole beim Torjubel reproduziert werden.

Die Workshops richten sich an Multiplikator*innen verschiedenster Art; Trainer*innen, pädagogische Fachkräfte, Sozialarbeiter*innen oder Menschen aus der Beratenden Arbeit sollen durch die Einblicke in die Expertisen der Interviewten einerseits über das Themenfeld aufgeklärt werden, andererseits aber auch praktische Tools erarbeiten, um türkisch-ultranationalistische Tendenzen und Vorfällen angemessen bearbeiten zu können.


Literaturverzeichnis

diyalog Fach- und Informationsstelle Türkischer Ultranationalismus (o.J.). FAQ. Im Internet unter: https://diyalog.tgsh.de/handlungsempfehlungen/faq/ [Zuletzt aufgerufen am 18.04.2024 um 11:39 Uhr].

Glaser, S./Pfeiffer, T. (Hrsg.) (2013). Erlebniswelt Rechtsextremismus. Menschenverachtung mit Unterhaltungswert. Hintergründe – Methoden – Praxis der Prävention. Schwal-bach/Ts.: WOCHENSCHAU Verlag.

Hussain, Y. (2021). Graue Wölfe im antisemitisch geprägten Amateurfußball in Deutschland. Bachelorarbeit. O.S.: GRIN Verlag.

Jamal, L./Aydın, Y. (2022). „Graue Wölfe“. Türkischer Ultranationalismus in Deutschland. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.

Pries, L./Sezgin, Z. (Hrsg.). Jenseits von ,Identität oder Integration‘. Grenzen überspannende [!] Migrantenorganisationen. Wiesbaden: Springer.

Rahner, J. (2021). Praxishandbuch Resilienz in der Jugendarbeit. Widerstandsfähigkeit gegen Extremismus und Ideologien der Ungleichwertigkeit. Weinheim/Basel: Beltz Juventa. 

Thole, W./Pfaff, N./Flickinger, H.-G. (Hrsg.) (2019). Fußball als Soziales Feld. Studien zu So-zialen [!] Bewegungen, Jugend- und Fankulturen. Wiesbaden: Springer.Wuppertaler Initiative für Demokratie und Toleranz e.V./Goecke, S. (Hg.) (2016). „Ich bin stolz, Türke zu sein!“. Graue Wölfe und türkischer (Rechts-)Nationalismus in Deutschland. Wuppertal: o.V.